Ein Nein ignoriert. Ein Leben geändert.

Können Sie sich das Gesicht Ihrer Lebensabschnittspartnerin vorstellen? Können Sie sich Ihren Blick ausmalen, wenn Sie sie fragen: Schatz, darf ich mit deiner besten Freundin schlafen? Okay, bevor Sie mir das womöglich zutrauen: Das habe ich noch niemanden gefragt, aber …:

Ungefähr so als ob, so sah mich Doktor D. an. Es war jener Arzt, der mich Tage zuvor nach einem Bandscheibenvorfall am Lendenwirbel operiert hatte. Mit schreckensweit aufgerissenen Augen starrte er in mein Gesicht. Mit einem scharfen UNMÖGLICH, das gar nicht artikuliert werden musste. Wie angedeutet: Meine Frage hatte nicht gelautet, ob ich mit seiner Freundin schlafen darf. Sondern nur: „Darf ich denn im Frühjahr wieder Rennrad fahren?“

Recht harmlos? Nun, offenbar ist Rennrad fahren für Patienten mit Bandscheibenvorfall am Lendenwirbel aus der Sicht ihrer Ärzte absolut verpönt. So verboten wie Spionage für Nordkorea oder Ibiza-Videos für FPÖ-Trottel. Indes: Hätte ich mich mein Leben lang an vermeintlich gute Ratschläge gehalten: Ich säße heute noch in einem Call Center mit Neonlicht statt Seesonne. Womöglich würde ich Upgrades für Handyverträge verkaufen.

Texter werden? Völliges No-Go

 25 Jahre zurück. Texter werden? Dazu brauchst du außergewöhnliche Fähigkeiten. Das hat so ein Ottonormal-Horst einfach nicht drauf. Du musst ausgeflippt sein. Ein abgedrehter Künstler. Du musst der Star jeder Clique mimen können. Wie von selbst zum Mittelpunkt in jeder Wiesn-Runde aufsteigen. Zu jenem, der ständig alle mit seiner brillanten Wortakrobatik unterhält. Das Genie. Der Komiker, vor dem selbst ein Heinz Erhardt verblasst.

Ach ja, noch was: Vom Texten kannst du als Freier niemals leben. Außer, du bist der ACD-Award-Abonnent. Oder der, von dem man so unbezahlbare Sprüche kennt wie „Geiz ist geil“. Oder so affengähnend einfallsreiche wie „Nichts ist unmöglich“.

Mindestens zweimal in meinem Leben habe ich genau das getan, was mir Spaß gemacht hat. Ein Leben ohne Rennrad ist für mich kaum noch denkbar, seitdem ich es kennengelernt habe. Dieser Geschwindigkeits-Kick, diese Distanzen, dieser Reiz ist geil.

Und als ich mich entschloss, meine Schreib-Leidenschaft zum Beruf zu machen, verließ ich genau jene Pfade. Jene Pfade des faden, langweiligen Nine-to-five-Büroalltags. Des puren tun-Müssens statt des anpacken-Wollens.

Mag das Rennrad auch keine Rückenkur sein: Es bringt Spaß in mein Leben. Mag das Texten mich auch nicht reich machen –, mag das Freelancer-Dasein meine Rente dereinst schmelzen lassen: Ich lebe heute. Und wer Spaß hat, ist kreativ. Und nur wer Spaß hat, bleibt es.

Ich gebe dann mal Gas.

Jens – oder nie.