TV anno Tobak, als an Knöpfen noch gedreht und von Programmvielfalt geträumt wurde

Was waren das noch für Zeiten – in den Siebzigern! Ganze drei Fernsehprogramme! Und fast immer bot höchstens eines davon ein „Highlight“, wenn überhaupt. Was haben wir uns damals gelangweilt, wenn, wie so oft , „mal wieder nichts Gescheites in der Glotze“ lief. Wie haben wir uns dafür gefreut auf so Kracher wie den Grand Prix Eurovision

de la Chanson (ja, den „Grongpri“, damals hieß er noch nicht „Song Contest“). Oder die Otto-Show. 45 Minuten, einmal im Jahr! Schier endlos wurden ihre Gags am nächsten Tag auf dem Schulhof rezitiert, weil alle am Vorabend nur diese eine Sendung gesehen hatten. Einträchtig versammelte sich die ganze Familie vor der Röhre zu Dalli Dalli („das war Spitzäää“), zum Großen Preis mit Wim & Wum oder der ZDF-Hitparade mit Plappernervensäge Heck. Zappen? Gab’s nicht. Wenn die Show zu Ende war und der Papa das Spätprogramm zu schauen gedachte, mussten wir Kinder aufstehen, zum holz vertäfelten Kasten vorlaufen und umschalten – um gleich danach ins Bett zu wandern. Gute Nacht!

Aller Langeweile zum Trotz: Konflikte gab’s auch. Dummerweise liefen Papas Sportschau und unsere Sesamstraße zeitgleich auf zwei verschiedenen Kanälen. Nun, Olympia 72 zauberte endlich den langersehnten Farbfernseher auch in unsere Stube.

Welch Freude! Das Schwarzweißgerät wanderte als Zweitfernseher ins Kinderzimmer, das einzige ernsthafte Programm-Problem war damit gelöst. Und manchmal, wenn wir etwas gut hatten beim Papa, dann wanderte er zum Sportschau gucken wiederum ins vorher aufgeräumte Kinderzimmer aus und wir durften Ernie, Bert und das Krümelmonster tatsächlich im Wohnzimmer betrachten – in Farbe. So hielten wir unser Kinderzimmer samstags stets in Schuss. Das war Erziehung 72!

Ende der Siebziger Jahre begann eine neue Ära. Mehr Kanäle gab’s zwar noch nicht. Aber dafür eine Fernbedienung. Und der Videorekorder hielt Einzug. Stolz führten wir der Verwandtschaft aus der DDR (damals noch keine schnelle Bitrate, sondern eine behäbige Republik) alle aufgezeichneten Nonstop-Nonsens-Folgen vor. Schenkel-Klopfen … stundenlang, mit Didi Hallervorden! Bald füllten Videos den Wohnzimmerschrank und das gute Stück aus schwedischem Discount avancierte quasi zu unserem vierten Programm. Nachteil war nur, dass wir alles das, was es bot, schon mal gesehen hatten.

Leute, wenn ihr heute gähnend durch eure 120 TV-Programme zappt und das Netflix-Abo kündigt, weil euch das alles nur noch langweilt, kann ich nur sagen: Ihr seid verwöhnt, verwildert, ver-bildert.